Германия: «Nürnberger Zeitung»   22.08.2017.

Ein Pianist wird zum Medium.

Alexander Malofeev ist zwar erst 15 Jahre alt, spielte beim Rheingau Musik Festival aber bereits Rachmaninows anspruchsvolles 2. Klavierkonzert.

«Ein Genie?» – «Nein», meint Alexander Malofeev.

- «Rachmaninow, Bach, ja, die waren genial» - er selbst will aber nicht so genannt werden. Noch nicht. «Ob jemand ein Genie war, weiß man doch erst nach 100 Jahren», lautet seine weise Antwort.

Diesen hochtrabenden Verdacht hat er sich natürlich selbst eingehandelt: Mit neun Jahren mischte das russische Klavierwunder erstmals die internationalen Wettbewerbe auf. Inzwischen ist er 15 und damit der Jüngste im Künstlerreigen des Musikfestivals Rheingau – mit einem mehr als ambitionierten Programm.

Schließlich dürfte der blond-brasse Knabe unter den Interpreten von Rachmaninows 2.Klavierkonzert den Altersschnitt merklich drücken. Hat jemand, der fast noch ein Kind ist, überhaupt genug erlebt, um dem persönlichsten Werk des Tastentitanen gerecht zu werden? Was für eine unbedarfre Frage, denkt man bald. Denn Malofeevs Auftritt im Kurhaus Wiesbaden, begleitet vom dynamischen Baltic Sea Philharmonic unter Kristjan Järvi, gerät zum Naturereignis. Hier strömen gewaltige Emotionen, und die scheinen nicht aus einem kindlichen Körper, sondern aus der ureigensten Tiefe des Komponisten selbst zu kommen. Nahezu gespenstisch.

Perfekt austariert ist die Dynamik, bei den schwellenden Glockenschlägen der Einleitung so wie bei den zartesten Stellen des zweiten Sazes und der stets dominanten Melodieführung, die doch nie zu Unachtsamkeiten in der begleitenden Stimme verführt. Die zahlreichen Prüfsteine dieser Komposition für technischen Finger ohnehin im virtuosen Tempo.

Man kann sich nicht entblöden zu urteilen: In diesem schüchternen Jungen verkörpert sich genau das ehrliche, direct empfundene Spiel, das man bei so manchem prätentiösen Weltstar immer vermisst hat. Nur in seiner Meinung über die eigene Genialität, da könnte er vielleicht geirrt haben.

Stefan Candid Depenheuer.

Германия: «Frankfurter Rundschau»   21.08.2017. (ссылка)

Kristjan Järvi mit jungen Musikern und einem russischen Pianisten-Wunderkind in Wiesbadens Kurhaus.

Baltic Folk“ heißt der Abend beim Rheingau Musik Festival im Wiesbadener Kurhaus, bei dem der quietschfidele Dirigent Kristjan Järvi sein neues Orchester Baltic Sea Philharmonic und das markante russische Wunderkind Alexander Malofeev präsentiert.

Das Orchester bringt junge Musikerinnen und Musiker aus den Ostseeanrainerstaaten zusammen. Arvo Pärts „Swansong“ gibt es zur Eröffnung, ein sanftes, melancholisches Kreiseln, bevor es melancholisch, aber weniger sanft weitergeht. Baltic Folk? Malofeev ist inzwischen 15 Jahre alt, sieht aber viel jünger aus, hat aber riesige Hände und spielt Klavier mit dem Gestus eines Pianisten, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Man sieht vor sich, wie das Kind Vorbilder beobachtet und wie die Lehrer und Lehrerinnen an der Moskauer Spezialschule für Musik „Gnessin“ tradierte Körpersprache weitervermitteln. Effekt und Effizienz gehen dabei Hand in Hand. Viel Sachdienlichkeit, kaum Pose. Man hört ein unheimlich energisch, versiert und souverän vorgetragenes Klavierkonzert Nr. 2 von Sergej Rachmaninow, mit Hochgeschwindigkeitselementen selbst im langsamen Satz, mit einem ausgeprägten Faible aber auch für die Stimmungswechsel und für die hier geradezu koboldisch wirkende zarte Flinkheit.

Lust an der exzentrischen Virtuosität trifft auf immense technische Befähigung, wobei es eine Erleichterung ist, einen suboptimalen Triller zu hören. In der Zugabe, Prokofjews Toccata, wirbelt Malofeev das Publikum noch einmal regelrecht auf. Nur hat er womöglich noch mehr Spaß als seine Zuschauer.

Der Abend, bei dem man jetzt immer noch nicht genau weiß, warum er Baltic Folk heißt, ist auch einer fürs Auge. Malofeevs unexaltiertes, intensives Spiel lenkt vom Orchester ab, aber das hat für den zweiten Teil noch etwas Besonderes in petto. In der Pause werden die Pulte abgeräumt, Igor Strawinskis Feuervogel-Suite wird auswendig und, sofern das Instrument es möglich macht, im Stehen gespielt. Die Cellisten bilden einen inneren Kreis, um sie herum wogt es deutlich mehr als gewöhnlich, aber es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich gut trainierte Orchestermitglieder mit einer solchen Situation umgehen. Järvi fordert die prächtigen Aufwallungen ebenso enthusiastisch heraus, wie er den zahlreichen blitzsauberen Soli Entfaltungsspielraum lässt.

Die hintere Zugabe dann: Baltic Folk! Järvi fordert jetzt wirklich zum Mitklatschen auf, und das letzte, was man von ihm sieht, ist, wie er ins Publikum springt und tanzend in der auch fast tanzenden, jedenfalls juchzenden Menge verschwindet.

Judith von Sternburg.